Die Kunst des Atmens

Dieser Artikel wurde in der aktuellen Ausgabe des Magazins “Baden Passion” veröffentlicht.

Es verschlägt uns den Atem, wir halten vor Schreck die Luft an, finden etwas atemberaubend oder atmen auf vor Erleichterung – ganz selbstverständlich benutzen wir diese Redewendungen in unserer Sprache. Bei ihrer genaueren Betrachtung, bemerken wir, wie eng die Atmung mit unserer Befindlichkeit verknüpft ist. Obwohl sie die wichtigste Energiequelle für den Körper darstellt und uns von Geburt bis Lebensende begleitet, wird die Atmung oft vernachlässigt wenn es um unsere Gesundheit geht. Dabei ist es höchste Zeit, das zu ändern. Denn unsere Befindlichkeit steuert die Atmung, doch auch umgekehrt, kann die Atmung unser Wohlbefinden beeinflussen.

 

In vielen alten Traditionen, wie auch im Yoga, hat die Atmung einen besonderen Stellenwert. Neben Asanas (Körperpositionen) und Meditation, sind Atemübungen (Pranayama) ein wesentlicher Bestandteil der Yoga-Praxis. Dabei haben die Yogis schon früh erkannt, von welcher Wichtigkeit das Atmen ist.

 

“Wenn der Atem wandert, dann ist der Geist unruhig. Aber wenn der Atem still ist, ist es auch der Geist.” (Hatha Yoga Pradipika)

 

Auch wenn das Ziel nicht gleich die Erleuchtung sein muss, können wir die Atmung nützen, um zu mehr Wohlbefinden zu gelangen.

 

Die Atmung wird über das vegetative Nervensystem gesteuert und erfolgt in der Regel automatisch. Darüber hinaus sind wir in der Lage, unsere Atmung willkürlich zu beeinflussen. Damit besitzt die Atmung aus wissenschaftlicher Sicht ein Alleinstellungsmerkmal. Denn sie ist die einzige Funktion des vegetativen Nervensystems, die wir bewusst steuern können.

 

Wenn uns jemand den Parkplatz vor der Nase wegschnappt, wir mal wieder von unserer To-Do Liste überwältigt sind oder uns in einer anderen Situation befinden, die wir als stressig empfinden, setzt unser Körper Prozesse in Gang, die übergreifend mit dem Begriff „Stress-Reaktion“ bezeichnet werden. Unter anderem werden Stresshormone ausgeschüttet und unsere Atmung wird schnell und flach. Diese automatische Reaktion des Körpers, stammt noch aus einer Zeit, als wir regelmäßig lebensbedrohlichen Situationen wie zum Beispiel der Begegnung von wilden Tieren im Urwald ausgesetzt waren und diente damals dem Überleben. In der heutigen Zeit ist die körperliche Stress-Reaktion oft weder notwendig noch hilfreich und kann, wenn chronisch aktiviert, die Ursache vieler Erkrankungen sein.

 

Die gute Nachricht ist, dass wir mit unserer Atmung bewusst eingreifen und gegensteuern können. Wenn wir in Stressmomenten langsam und tief Atmen, beruhigen wir damit unser gesamtes System. Beim nächsten Mal könnten wir einfach ein paar tiefe Atemzüge nehmen, bevor wir uns maßlos über den Parkplatzdieb ärgern oder in Panik verfallen, wenn es zu viel zu tun gibt. Schon nach kurzer Zeit, werden wir merken, wie wir uns dadurch entspannen und die Kontrolle über uns selbst zurückerlangen. Denn unsere Atmung ist wie ein Anker, der uns davor bewahrt, dass uns die Wellen des Lebens mitreißen. Sie begleitet uns rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche und ist die direkte Verbindung zum Hier und Jetzt. Inmitten vom Chaos des Alltags ist die Atmung ein Ort in unserem Inneren, an dem wir Ruhe finden und still werden können.

Mia Ronovsky